Interview

"Ein Architekt kann den Zeitgeist prägen"

In der Dortmunder City entsteht auf der alten Industriebrache der Union Brauerei ein neues Stadtquartier. Das Herzstück des Geländes bildet das Dortmunder U – eines der bedeutendsten Wahrzeichen der Stadt. Mit der Revitalisierung des Gebäudes entsteht ein Zentrum für die Kreativwirtschaft und Medienkunst. Das Gebäude wird nach den Entwürfen des renommierten Dortmunder Architekturbüros Gerber Architekten restauriert und umgebaut. Über das Projekt sprach In puncto mit dem verantwortlichen Architekten Professor Eckhard Gerber.
Architekt Prof. Eckhard Gerber und das Dortmunder "U"
Architekt Prof. Eckhard Gerber (Copyright by Gerber Architekten)
Das Dortmunder "U" (Copyright by Gerber Architekten)
In puncto: Sie leiten als erfolgreicher Architekt seit nunmehr 40 Jahren ihr eigenes Büro in Dortmund. In dieser Zeit haben Sie zahlreiche Preise gewonnen. Was ist für Sie Ihr größter Erfolg?

Prof. Gerber: Rückwärts gesehen gibt es den größten Erfolg beziehungsweise das erfolgreichste Projekt nicht. Jedes Jahr brachte neue, herausfordernde Projekte mit sich. Ein Architekt ist häufig ein Kind seiner Zeit und seines Zeitgeistes. Jedoch ist die Zeit eines Architekten häufig vorüber, wenn sich der Zeitgeist verändert. Er hat aber auch die Möglichkeit, den Zeitgeist durch seine Architektur zu prägen. Es gibt Architekten, die stets auf ihre gewohnte Art und Weise Gebäude entwerfen und bauen. Andere wiederum probieren häufig Neues aus. Diese Architekten kommen weiter, sie prägen den Zeitgeist und wachsen selbst daran. Entscheidend ist es also, stets das Neue zu suchen, sich mit nichts zufrieden zu geben und neugierig zu bleiben. Für mich ist daher der größte Erfolg, nach 40 Jahren noch immer als Architekt erfolgreich arbeiten zu können.

In puncto: "RUHR.2010 – Kulturhauptstadt Europas" ist der Name des Projekts, das Ruhrgebiet im Jahre 2010 als Europäische Kulturmetropole darzustellen. Dabei ist das Dortmunder U eines der Leuchtturmprojekte. Was bedeutet es für Sie, dieses Gebäude zu restaurieren?

Prof. Gerber: Das Projekt hat mir schon immer am Herzen gelegen. Bereits vor rund 15 Jahren nahm ich an einem städtebaulichen Wettbewerb für ein neues Hochhaus in Dortmund teil. In meinen Entwürfen habe ich schon damals Bezug auf das Dortmunder U genommen. So ist die Gestaltung der Fassade mit seinen rechteckigen Fenstern umgeben von einem gitterähnlichen Betonrahmen eine Verknüpfung zu den Betonkolonnaden auf dem Dach des ehemaligen Brauereigebäudes. Den Wettbewerb habe ich damals gewonnen und schließlich das Harenberg City Center gebaut. Daher freut es mich sehr, nun auch das Dortmunder U restaurieren zu dürfen.

In puncto: Das Dortmunder U gilt als ein Wahrzeichen der Stadt. In dem denkmalgeschützten Industriegebäude wurde früher Bier gebraut. Nun soll es als Zentrum der Kreativwirtschaft wiederbelebt werden. Wo sehen Sie die besonderen Herausforderungen bei diesem Projekt?

Prof. Gerber: Das Gebäude hat die Stadt seit seiner Erbauung geprägt. Es ist ein wichtiges Zeugnis der moderneren Industriegeschichte der Stadt. Mit der Restaurierung haben wir nun die Möglichkeit zu zeigen, wie sich die Stadt von einer Industriemetropole zu einem Zentrum für Kreativität, Medienkunst und Technologie wandelt. So ein Projekt muss man daher mit einer gewissen Demut bearbeiten. Es darf nicht nur von außen als Denkmal gesehen werden, sondern auch von innen. Dabei ist es wichtig, Altes so gut es geht zu erhalten. Gleichzeitig muss man dem Gebäude etwas Neues verleihen, das die Veränderung zeigt. Dies ist uns gelungen, indem wir beispielsweise ein vertikales Foyer, also einen über alle sieben Geschosse geöffneten Raum, integriert haben. So wird eine Sicht bis ganz nach oben möglich. Dadurch ist die Größe des Gebäudes, die aufgrund der geschlossenen Etagendecken im Inneren vorher nur von außen wirklich sichtbar war, nun mit einem Blick auch von innen erkennbar.

In puncto: Das Dortmunder U soll Hochschulinstitute, Einrichtungen der Medienkunst und den Bilderbestand des Museums am Ostwall aufnehmen. Wie berücksichtigen Sie die Anforderungen der künftigen Nutzer?

Prof. Gerber: Das war gar nicht so schwer. Anders als bei neu entworfenen Gebäuden ist beim Dortmunder U die innere Struktur bereits größtenteils vorgegeben. Jede Institution, die in das Gebäude zieht, musste sich daher kreativ damit auseinandersetzen, was ihr die jeweilige Etage bietet. Natürlich gab es auch besondere Wünsche und Vorstellungen der künftigen Mieter. So weit es möglich war, haben wir diese Wünsche selbstverständlich berücksichtigt und eingebracht.

In puncto: Das Dortmunder U ist jedoch nur ein Teil eines noch größeren Projektes: Rund um das Gebäudes entsteht ein neues Stadtquartier. Was bedeutet die Revitalisierung dieses Stadtteils für Dortmund?

Prof. Gerber: Mit dem Strukturwandel Dortmunds bekamen andere Bereiche wie Kultur, Kunst und Medien einen höheren Stellenwert in der Stadt. Man musste erkennen, dass die Zeit der Kohle- und Stahlindustrie in Dortmund mal zu Ende gehen wird und die Region was anderes leisten muss, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Die Gründung der Universität in Dortmund in den 1960er Jahren war ein erster Schritt. Mit der Revitalisierung des Stadtquartiers können wir nun direkt daran anknüpfen und jungen, intelligenten Menschen ein interessantes und wettbewerbsfähiges Umfeld schaffen. Aber auch stadtplanerisch ist das Projekt von großer Bedeutung. Das Gebiet liegt in unmittelbarer Nähe des Stadtkerns. Mit dem Westenhellweg und der Kampstraße treffen zwei große Einkaufsstraßen auf das Gelände. Es ist daher wichtig, dass auf der alten Industriebrache eine neue, kleine City entsteht, die die Menschen anzieht. Das ist in erster Linie auch die Aufgabe eines Architekten. Immobilienexperten sagen oft, die Lage ist das entscheidende Kriterium einer Immobilie. Aber mit hervorragender Architektur kann ich auch Lage machen.  

In puncto: Vielen Dank für das Gespräch.

 
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